In eigenen Worten

Es war im Jahr 1972. Ich hatte eine Reise in den Tschad gebucht. Sie musste abgesagt werden, die politische Situation in der Region war zu unsicher. Da stand ich nun mit meinem Wunsch nach einem abenteuerlichen Urlaub und wusste nicht, was ich mit meinen eingetragenen Urlaubstagen anfangen sollte. Durch Zufall las ich ein Inserat von Okavango-Reisen: Eine Mineralien-Sammelreise nach Namibia wurde angeboten. Ich hatte keine Ahnung, was Mineralien sind. Das Land Namibia aber interessierte mich, und der Termin passte. Also meldete ich mich an.

Zwei Tage vor Reiseantritt erfuhr ich, dass die Reisegruppe aus nur einem Sammler und mir bestand. Am Frankfurter Flughafen fiel mir ein Mann in Nagelschuhen, mit Windjacke, altmodischen Knickerbocker-Hosen und auch sonst sehr „almigem“ Aussehen auf. Ich wusste zwar nichts von Mineralien, so aber stellte ich mir einen Mineraliensammler vor. Ich sprach ihn an, und ich lag richtig. Für ihn bestand Namibia offenbar nur aus Mineralien. Er sprach ununterbrochen von Jeremejewiten, Descloiziten, Fluoriten, Mottramiten und vielen anderen für mich völlig unverständlichen „böhmischen Dörfern“.

In Windhoek verbrachten wir nur einen Tag. Dann begann der Ernst des Lebens. In einem Jeep verließen wir die Stadt in nordwestlicher Richtung und fuhren ins Erongo-Gebirge. Irgendwo in der Steppe stand eine Hütte, an der wir anhielten – die Mine Neu-Schwaben. Mein Reisebegleiter verschwand mit seinem Rucksack im Gelände. Bald darauf hörte ich Hammerschläge. Ich schlenderte in die Richtung dieser Geräusche und fand ihn in einer Art Bombentrichter stehend, auf Steine einschlagend. Ich schaute ihm eine Zeit lang zu, bevor ich ihn fragte, was er da mache. Er antwortete, ohne sich unterbrechen zu lassen: „Ich suche Turmaline.“

Ich begann nachzudenken. Entweder ich bliebe dabei, mich nicht für Mineralien zu interessieren – dann hätte ich drei wahrscheinlich recht unergiebige Wochen vor mir. Oder ich nutzte die Präsenz unseres Führers, um mich von ihm in die Geheimnisse des Mineraliensammelns einweihen zu lassen. Ich entschied mich für die zweite Lösung und erlebte drei hochinteressante Wochen. Mit seiner Hilfe konnte ich viel finden und noch mehr lernen. Viele Steine brachte ich von dieser Reise nach Hause, viele Pakete mit Steinen wurden geschickt. Manche dieser Pakete wurden erst 25 Jahre später geöffnet.

Nach diesem hoffnungsvollen Beginn versandete das neu erwachte Interesse wieder. Zwar war ich noch einige Male zum Sammeln unterwegs, etwa in der Oberpfalz oder in den österreichischen Alpen. Ich musste aber schnell feststellen, dass sich das Sammeln von Mineralien nicht mit anderen Interessen vereinbaren lässt, etwa mit dem Bergsteigen oder mit Wanderungen im Kreis der Familie. Vor allem aber die berufliche Inanspruchnahme vertrug sich nicht mit dem Zeitaufwand, den das Sammeln erfordert. Über 20 Jahre lang besuchte ich hin und wieder eine Mineralienmesse, kaufte das eine oder andere Stück und freute mich an meinem kleinen privaten Museum mit selbst gesammelten und gekauften Stufen.

Zum Ende des Jahres 1994 schied ich aus dem aktiven Berufsleben aus. Ich musste mir klar werden, welche Schwerpunkte ich in dem vor mir liegenden Lebensabschnitt setzen wollte. Von den vielen theoretischen Möglichkeiten blieben einige übrig, die sich gut miteinander kombinieren ließen: Reisen, Fotografieren, Kontakte mit interessanten Menschen pflegen, meine Sprachkenntnisse nicht verkümmern lassen – und Mineralien sammeln.

Bei den Münchener Mineralienfreunden fand ich meine mineralogische Heimat, insbesondere in der Arbeitsgruppe der Micromounter. Reisen mit mehr oder weniger ausgeprägtem Sammelschwerpunkt führten mich, meist zusammen mit meiner Frau, nach Australien, Neuseeland, in den Südwesten und Mittleren Westen der USA, nach Mexiko, Bolivien, Argentinien und Chile, nach Italien, Spanien, England, Island, Polen, Österreich, Frankreich, Tschechien, in die Slowakei und in die Schweiz. Natürlich besuchte ich auch Fundgebiete in Deutschland: in der Eifel, im Schwarzwald, in Bayern oder im Siegerland.

Das Sammeln von Mineralien wurde zu einem neuen Zentrum meines Lebens. Als Leiter der Arbeitsgruppe der Münchener Micromounter versuchte ich, unserer Arbeit neue Impulse zu geben: Wir unternahmen Exkursionen, betrieben einen sehr erfolgreichen Stand auf den Münchener Mineralientagen und bauten die Lithothek auf. Ich hielt immer wieder Vorträge und veröffentlichte hin und wieder Artikel in der Fachpresse. Über das Internet unterhielt ich weltweite Tauschkontakte. In der 2003 gegründeten Arbeitsgruppe Mineralogie ging es mir darum, Vereinsmitgliedern ein Forum zu bieten, in dem sie einfach Fragen zu ihrem Hobby stellen können, die wir in gemeinsamer Diskussion zu beantworten versuchen.

Im Juni 2016 habe ich die Leitung der Micromounter-Gruppe ebenso abgegeben wie die der Arbeitsgruppe Mineralogie. Stattdessen konzentriere ich mich seither ganz auf die Arbeit an der Lithothek.