Wie die Lithothek entstand – erzählt von Manfred Seitz

Es war auf den Münchener Mineralientagen im Jahr 1999. Unsere Arbeitsgruppe betrieb ihren eigenen Stand im zweiten Jahr. Ein Herr sprach mich an und stellte sich als Klaus Fleck vor. Mir sagte der Name zunächst einmal nichts. Er sei im Mineralienhandel tätig gewesen und wolle sich aus diesem Geschäft zurückziehen. Zu Hause habe er aus dem Versandhandel mit Systematik noch einen umfangreichen Warenbestand liegen. Da er seine privaten Räumlichkeiten frei bekommen wolle, sehe er für dieses Material nur zwei Möglichkeiten: wegwerfen oder wegschenken. Ich empfahl ihm die zweite Möglichkeit – und uns als diejenigen, die die Schenkung gerne annehmen würden. Zwei Wochen nach Messeende machte ich mich zusammen mit Andy Steinberger, einem Sammlerfreund aus unserer Gruppe, auf den Weg, um die Stufen abzuholen.

Die Menge des Materials überstieg alle unsere Erwartungen. Zweimal mussten wir zwischen Heimstetten und Pullach fahren, und bei jeder Fahrt beluden wir einen Kombi und einen VW-Bus mit Flats voller sorgfältig gedoster, bestimmter und etikettierter Stüfchen. 30.000 Döschen dürften es alles in allem gewesen sein, etwa 1.500 unterschiedliche Mineralarten von Fundstellen aus der ganzen Welt – triviale Mineralien und ausgesprochene Seltenheiten, ästhetisches Material genauso wie Systematik-Mineralien, die man nicht unter dem Aspekt ihrer Schönheit beurteilen darf. Der Lattenkeller in meiner Zweitwohnung war voll; kaum, dass man noch die Tür öffnen konnte.

Wenige Tage später war unser nächster Gruppenabend. Zwei Fragen stellte ich zur Diskussion: Wir hatten auf der Börse bescheidene Einnahmen aus dem Verkauf gespendeter Stüfchen erzielt – was wollen wir mit diesem Geld anfangen? Und: Was tun mit dem Material, das wir in den Tagen zuvor in meinen Keller gestapelt hatten?

Wie so oft waren die Antworten sehr viel komplizierter als erwartet. Je länger die Diskussion dauerte, umso deutlicher schälten sich die folgenden Überlegungen heraus: Ein solcher Bestand an Mineralien ist eine hervorragende Ausgangsbasis, um eine Referenzsammlung nach systematischen Gesichtspunkten aufzubauen. Will man eine solche Sammlung aufbauen, werden dafür Mittel benötigt – das auf der Messe eingenommene Geld könnte sie finanzieren, ohne dass wir auf „Betteltour“ gehen müssten. Wir alle haben Micromount-Sammlungen zu Hause stehen, viele davon auf sehr hohem Niveau, oft mit Stücken von einmaliger Qualität oder von erloschenen Fundstellen. Jeder von uns wird einmal seine Sammeltätigkeit einstellen, und nur wenige haben jemanden, der sich mit Liebe und Sachverstand für die Sammlung interessiert; es besteht also die Gefahr, dass diese unersetzlichen Stüfchen in den Müll wandern. Man könnte also die gruppeneigene Referenzsammlung dazu nutzen, solche Sammlungen zumindest mit ihren repräsentativen und besten Stücken zu bewahren. Die nicht benötigten Stücke könnten, soweit sie der Gruppe übereignet werden, auf der Börse verkauft werden; der Erlös dient der langfristigen Finanzierung, und auch diese Stücke bleiben in den Händen kundiger Sammler. Und nicht zuletzt können die Spender selbst mit ihren Persönlichkeiten und Sammlerleistungen in einer solchen Sammlung bewahrt werden.

In mehreren „Brainstorming-Sitzungen“ wurden alle Pros und Contras diskutiert. Auf viele Fragen fanden wir zunächst keine Antwort. Die wichtigsten aber waren geklärt: Viele von uns waren von der Idee begeistert, wir hatten einen Fundus an Mineralien, wir hatten Mittel, die zumindest für den Beginn ausreichten, und wir hatten in meiner Zweitwohnung, dem „Stufenheim“, einen Raum, in dem wir gemeinsam arbeiten und die Sammlung aufbewahren konnten.

Trotz aller unbeantworteten Fragen begannen wir mit der Arbeit an unserer Referenzsammlung. Die Lithothek war geboren. Wir wissen, dass es sich um ein Projekt handelt, das niemals abgeschlossen sein wird – und sehen das als Vorteil. Eine Gruppe erkennt man an ihren gemeinschaftlichen Aktivitäten und Projekten. In einer Zeit, in der jeder in immer stärkerem Maße nur noch an sich selbst denkt, erschien uns der Beginn eines solchen Gemeinschaftsprojekts mehr als sinnvoll.

In einer ersten Arbeitsphase sortierten wir das ganze „Fleck-Material“ in Häufchen, jedes aus einem Mineral mit einheitlichem Fundort. Von jedem Häufchen wurden die zwei besten Stücke für die spätere Lithothek beiseitegelegt. Der Rest wurde halbiert: Die bessere Hälfte ging zum Verkauf auf die nächste Börse, die andere wurde an interessierte Gruppenmitglieder verteilt. So leerte sich bis zu den Münchener Mineralientagen 2000 mein Lattenkeller wieder.

Unsere Lithothek wächst und wächst, und wir denken mit viel Freude an ihren eigentlichen Initiator, Klaus Fleck, zurück.

Nachruf

Klaus Fleck verstarb am 29. November 2015 nach langer, mit Geduld ertragener Krankheit. Wir werden ihn immer in Erinnerung behalten.